Hilfe bei Tinnitus aus Jülich
Von Redaktion [11.07.2009, 20.28 Uhr]

Klein wie ein Hörgerät ist der Neurostimulator, der das lästige Klingeln im Ohr von Tinnitus-Patienten abstellen kann. 2010 soll das Gerät, das auf wissenschaftlichen Erkenntnissen aus dem Forschungszentrum Jülich beruht, auf den Markt und damit zu den Patienten kommen. Derzeit wird das Gerät in einer klinischen Studie getestet.

Rund fünf Prozent der Bevölkerung leidet an einem Tinnitus. Bei einem Drittel von ihnen ist das Klingeln im Ohr so stark, dass es die Lebensqualität zum Teil erheblich beeinträchtigt. Ursache für das permanente Ohrgeräusch sind Fehlsteuerungen im Gehirn. Nervenzellen feuern dabei übermäßig synchron Signale.

Prof. Dr. Tass vom Forschungszentrum Jülich entwickelte ein neuartiges Verfahren, mit dem das synchrone Feuern der Nervenzellen unterbunden werden kann. Mittels eines mathematisch-physikalischen Stimulationsalgorithmus gelang es dem Mediziner und Physiker, die krankhafte Gleichschaltung der Nervenzellen aus dem Takt zu bringen. „Durch die Stimulation bauen sich die Nervennetzwerke im Hirn wieder um. Deshalb erreichen wir mit unserem Stimulator auch eine dauerhafte Linderung der Krankheit“, sagt Prof. Dr. Tass.

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Auf diesen Forschungsergebnissen basiert der von der in Jülich ansässigen Firma ANM Adaptive Neuromodulation GmbH entwickelte Tinnitus-Neurostimulator. Die erste klinische Studie mit dem Prototypen belegt: Bei mehr als 70 Prozent der Probanden gingen die Symptome signifikant und dauerhaft zurück. 2006 wurde die Firma ANM gegründet, um die Forschungsergebnisse der Mediziner in kommerzielle Produkte umzusetzen.

„Die Ausgründung der Firma zeigt, dass der Technologietransfer von der Grundlagenforschung hin zur Nutzeranwendung in Jülich funktioniert“, freut sich Dr. Ulrich Krafft, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Forschungszentrums Jülich. Soeben wurde die Zusammenarbeit zwischen dem Forschungszentrum und der ANM vertraglich noch enger festgezurrt. Die ANM kann nun Neurostimulations- und Modulationsverfahren von Prof. Dr. Tass und seinen Mitarbeitern übernehmen und in tragbare Geräte für die medizinische Anwendung umsetzen. „Das ist deswegen so wichtig, weil in dem Prinzip der Neuromodulation noch großes Potential für die Behandlung einer Vielzahl von Erkrankungen steckt“, sagt Vorstandsmitglied Prof. Dr. Sebastian Schmidt.

Voraussichtlich 2012 etwa soll ein neuer Hirnschrittmacher für Parkinson-Patienten auf den Markt kommen, der nach dem von Prof. Dr. Tass entwickelten Algorithmus funktioniert. Das Prinzip der Neurostimulation kann dabei das krankhafte Zittern der Patienten verhindern. Auch hier werden die Nervenzellen des Patienten durch milde und gezielte Reize wieder zu einem gesunden Verhalten veranlasst. Darüber hinaus forscht Prof. Dr. Tass daran, es auch bei essentiellem Tremor, Dystonie, Schmerzzuständen, Epilepsie oder bei Funktionsstörungen nach einem Schlaganfall sowie bei psychiatrischen Krankheiten einzusetzen.


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