Freitagsvesper im Bonhoefferhaus

Hesse-Experte begeisterte in Jülich alte und junge Fans
Von Arne Schenk [10.02.2008, 21.55 Uhr]

Auf Tuchfühlung mit dem Hesse-Experten Volker Michels, der gerne zum Büchersignieren bereitstand.

Auf Tuchfühlung mit dem Hesse-Experten Volker Michels, der gerne zum Büchersignieren bereitstand.

Marcel Reich-Ranicki habe ihm seinerzeit gönnerhaft die Schulter getätschelt und geraten: „Dann nehmen Sie doch lieber gleich Ganghofer“, als Volker Michels ihm anvertraute, dass er den Nachlass von Hermann Hesse sichte und plane, etwas darüber zu schreiben. Mit zahlreichen Edition habe Michels seither solche Vorurteile widerlegen können, erzählte der langjährige Herausgeber von Hesses Werken im Frankfurter Suhrkamp und Insel Verlag jetzt auf der Literarischen Freitagsvesper im Jülicher Bonhoeffer-Haus auf Einladung von Elke Bennetreu, Leiterin der Evangelischen Erwachsenenbildung im Kirchenkreis Jülich.

Zum Grande Finale der Hesse-Reihe referierte der Experte nicht nur in einem einstündigen Vortrag die Essenz des letzten umfassenden Werkes des Literaten, „Das Glasperlenspiel“, sondern stand auch bereitwillig Rede und Antwort zu Fragen des Publikums. So stößt die Kritik an dem Autor („Hatte Hesse Humor? – Bei Kafka würde sich niemand solch eine Frage stellen.“) auf Unverständnis bei Michels genauso wie der Umstand, dass der Schriftsteller kaum in den Medien auftauche.

Der Beliebtheit Hesses und dessen Veröffentlichungen tut dies kein Abbruch, wie sich auch im vollbesetzten Bonhoeffer-Haus zeigte. Auch junge Leser nahmen die Gelegenheit begeistert wahr, von einem Kenner der Materie etwas über ihr „Idol“ zu erfahren. Auch Michels selbst infizierte sich mit dem „Virus“, als er 14-jährig in einem Internat weilte. Er las „Unterm Rad“ und wunderte sich: „Woher kennt dieser Mann dich so genau?“

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Junge und alte Hermann-Hesse-Fans konnte Experte Volker Michels bei seinem Vortrag im Jülicher Bonhoefferhaus begeistern.

Junge und alte Hermann-Hesse-Fans konnte Experte Volker Michels bei seinem Vortrag im Jülicher Bonhoefferhaus begeistern.

Ein Gefühl, das offenbar viele Leser mit ihm teilen. In 60 Sprachen sind die Werke übersetzt worden, mit einer geschätzten Auflage von 120 Millionen Exemplaren, lediglich 25 Millionen davon auf deutsch. Unfassbar für einen Menschen, der oft zögerte, seine neuesten Romane zu veröffentlichen, weil sie zu persönlich seien. Aktuell wird die von Michels im Jahr 2005 herausgegebene Gesamtausgabe mit 14.000 Seiten ins Japanische übersetzt.

Als sich der 14-jährige Volker Michels per Brief an den Dichter wandte, habe dieser ihm kurz und freundlich geantwortet. Auch wenn der zuweilen dabei unhöflich war, schrieb Hesse immer zurück. 35.000 Leserbriefen habe er so erwidert, 17.000 davon besitze der Herausgeber in Kopie. Sein Traum: eine zehnbändige Briefausgabe. Allerdings weiß er von der Schwierigkeit, den Verleger davon zu begeistern.

Welche Wirkung das Schreiben Hesses gehabt hat, zeigt „Das Glasperlenspiel“. Hiervon beeinflusst gründete der bekannte US-amerikanische Psychologe und Autor Timothy Leary in den 60ern die Castalia Foundation in der Milbrook-Villa im Staate New York. Er pries die erstaunliche Präzision eines Hellsichtigen, dessen Vision einer Zusammenfassung von Farben, Musik, Worten und Bildern in Kombinationen am Abakus, dem chinesischen Rechenbrett als Prophezeiung der Computer-Ära.

Erstaunlich ist insbesondere die zur Entstehungszeit 1931 erahnte Befürchtung bereits vor der Machtergreifung des Diktators. Er wendet sich mit seinem „Glasperlenspiel“ gegen ein vom Staat beeinflusstes Bildungssystem und nimmt mit der Hinrichtung seines Helden die künftigen Praktiken vorweg. Im privaten Schriftverkehr warnt er zudem vor dem „Giftgas“, das aus der zeitgenössischen Zeitungen entströmte. Sein Roman sollte davor warnen.

Die nächste Freitagsvesper im Dietrich-Bonhoeffer-Haus steigt am 7. März ab 18.30 Uhr. Pfarrerin Karin Latour vergleicht den „Jedermann“ von Hugo von Hofmannsthal mit dem von Philip Roth. Infos zur Anmeldung sind bei der Evangelischen Erwachsenenbildung im Kirchenkreis Jülich, Aachener Straße 13a, Tel: 02461/99660, Email eeb@kkrjuelich.de erhältlich.


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