Euregio-Kinderoper

Jülich: Wenn die „Dingwelt“ ungezogene Kinder richtet
Von tee [20.11.2007, 10.44 Uhr]

Die Rechnung ging nicht auf: Die Gleichungen springen aus dem Mathebuch und attackieren das ungezogene Kind.

Die Rechnung ging nicht auf: Die Gleichungen springen aus dem Mathebuch und attackieren das ungezogene Kind.

Erziehung ist eine Herausforderung – keine Frage. Neben Disziplin und Gehorsam ist sie vor allem geprägt durch Vertrauen. Das waren die tieferen Aussagen der Oper „Das Kind und die Zauberdinge“, die die Musikhochschule Köln/Aachen und das Conservatorium Maastricht mit jungen Sängerinnen und Sänger auf die Bühne der Stadthalle stellten. Die Hauptrolle ist besetzt mit einer Identifikationsfigur für Kinder: Ein richtiger Rabauke ist das ungezogen Kind (kurzfristig wegen Erkrankung eingesprungen: Ann de Ridder), dass nicht nur der Mutter die Zunge herausstreckt und seine Hausaufgaben nicht machen will.

Es fegt sie auch noch mit einem Wisch vom Tisch und demoliert die Zimmereinrichtung. Da wird der Tisch umgeworfen und die Zeiger der Standuhr abgerissen. Das bleibt nicht ungesühnt: Die Dingwelt wehrt sich. Lange dauert es, bis das Kind geläutert Reue empfindet, sich aussöhnt und letztlich die Tiere und Dinge sich wieder der menschlichen Hand anvertrauen.

Charmant umgesetzt wurde das einstündige Musiktheater von Maurice Ravel unter der Regie von Ralph Budde. Die Sängerinnen und Sänger schlüpften in die Verkleidung von übergroßer Teetasse und Kanne, verwandelten sich in Stühle und Kissen, die Uhr bekommt Gesicht und Hände. Die ansonsten unbeseelten „Dinge“ werden lebendig.

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Gerichtstag: Das Kind wird von der Dingwelt mit seinen Vergehen konfrontiert

Gerichtstag: Das Kind wird von der Dingwelt mit seinen Vergehen konfrontiert

Gesungen in französischer Sprache war es für die sechs- bis zwölfjährigen Besucher keine pure Unterhaltung, die geboten wurde. Ohne Unterstützung der sie begleitenden Erwachsenen, war etwa nicht sofort verständlich, dass die auftretende Prinzessin dem Märchenbuch, dem das Kind den Garaus gemacht hatte, herauskam oder die mathematischen Gleichung dem zerstörten Rechenbuch entstammten. Die schauspielerische Leistung war dennoch so überzeugend, dass die Grundzüge des Stücks erkennbar waren. Feuer, das aus dem Kamin springt und das Kind attackiert, oder die fauchenden Katzen, die sich der streichelnden Hand entziehen. Das Spiel in der zauberhafte Ausstattung in zum Teil comic-haften Popart-Farben (Kerstin Faber) war ein echter Blickfang und konnte die Kinder bis zum Schluss an die Handlung fesseln.

Surreal ist nicht nur die Handlung nach der literarischen Vorlage der Autorin Colette, auch die Musik erforderte einige Offenheit abseits der Hörgewohnheit. Neben dem Operngesang – schon an sich für Kinder ein neue Klangwelt – lebt die Musik Ravels vom Zeitgeist der 20er Jahre, in denen das Stück entstand: Elemente des Jazz, der Revue und modischer Tänze der Zeit kommen zum Ausdruck.

Eine spannende Bühnenpräsentation der Euregio-Oper, die bereits mit „Der kleine Schornsteinfeger“ 2005 in Jülich gastiert. Bedauerlich, dass nur dreiviertel der Stadthalle besetzt war. Vielleicht schreckte aber auch so manchen das Original in französischer Sprache.


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