Raumfrage ist dringend zu klären

Jülichs Streetworkerin auf Abruf?
Von  [01.11.2007, 09.36 Uhr]

Seit 2006 betreut Streetworkerin Karin Heinrichs in Jülich gestrandete Menschen zwischen 14 und 27 Jahren. Oft sind sie drogensüchtig, arbeitslos oder straffällig geworden. Eine wertvolle Arbeit, die nicht nur den Betroffenen, sondern auch der Gesellschaft zugute kommt, wie der Ausschuss für Jugend, Kultur und Soziales erkannte. Dennoch kann es sein, dass die vom Kreis Düren bezahlte Kraft demnächst in anderen Kommunen eingesetzt wird.

Streetworkerin Karin Heinrichs leistet beeindruckende Arbeit in Jülich.

Streetworkerin Karin Heinrichs leistet beeindruckende Arbeit in Jülich.

Mucksmäuschenstill war es im Kleinen Sitzungssaal des Neuen Rathauses als Karin Heinrichs im Ausschuss für Jugend, Kultur und Soziales von ihrer Arbeit in Jülich und Aldenhoven erzählte. Sichtlich mitgenommen waren die politischen Vertreter bei der Konfrontation der täglichen Vielfalt der sozialen Probleme mit denen die einzige Streetworkerin des Kreises Düren zu tun hat: Drogen, Straftaten, Überschuldung und Psychosen treten nicht vereinzelt auf, sondern finden sich oft in einer Person, weil die Problemfelder auseinander folgen.

Im ersten Jahresbericht, aus dem Karin Heinrichs im Ausschuss vortrug, zitiert sie das Beispiel von Dennis, 21 Jahre. Seine Drogenkarriere begann mit 15 Jahren. Sein Vater hat sich erhängt, als er 16 Jahre alt war. Alkohol gehörte von jeher zum Familienleben dazu. Wenn er trinkt wird er straffällig. Ein regelmäßiges Arbeitsleben hat er nie kennen gelernt. „Ich hoffe, dass ich niemals in den Knast komme. Davor habe ich Angst“.

Fassbare Armut erlebt Karin Heinrichs außerdem bei Hausbesuchen. Ein Klient hatte vier Äpfel für zwei Tage auf seinem Küchentisch liegen. Menschen, die in Jülich leben, Nachbarn sein können, denen man jeden Tag begegnet. „Natürlich können sie sagen: Die sind selbst schuld. Warum geben sie das Geld, das sie bekommen für Drogen aus.“ Tatsächlich müsse man der Tatsache ins Auge sehen, dass man manchmal schon froh sein müsse, „wenn jemand straffrei bleibt und sich mit Arbeitslosengeld II durchs Leben schlägt – das ist traurig genug.“

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Rund 20 Menschen zwischen 14 und 27 Jahren betreut die einzige hauptamtliche Streetworkerin des Kreises Düren. Das schwierigste sei, wieder Vertrauen aufzubauen und Perspektiven zu geben. Das bedingt, dass Karin Heinrichs die Menschen trifft, wo sie sich treffen. Alles weitere, so berichtet die diplomierte Sozialpädagogin, läuft meist über Mundpropaganda unter dem Motto: „wer mir geholfen hat, kann auch dir helfen.“ Oft sind es Selbstverständlichkeiten wie Zähneputzen und regelmäßiges Essen, die wieder eingeübt werden müssen. Neben der intensiven Betreuung, wozu auch der Gang zu einer Therapie bis zur Begleitung zu einer Ausbildungsstelle oder Drogenberatung und dem Ausfüllen von amtlichen Anträgen gehören, ist vor allem Vernetzungsarbeit, die einen Schwerpunkt bildet. Das erste Jahr verbrachte sie vor allem damit, sich bei den Institutionen bekannt zu machen. „Ich fühle mich gut unterstützt“, zieht Heinrichs

Darüber hinaus bietet Karin Heinrichs wöchentlich eine Sprechstunde im Pfarrheim des Jülicher Nordviertels an. Kein durchschlagender Erfolg, wie sie einräumt. Das größte Problem, dass die Streetworkerin derzeit hat, ist, einen Raum für sich zu haben. Lage und Ausstattung müssen ihre „Klientel“ so ansprechen, dass Vertrauen geschaffen wird – weder für die Kirche noch für die Verwaltungsräume trifft dies zu. Vielfältige Vorschläge kamen von Seiten der Ausschussmitglieder, die nun zum Teil geprüft werden.

Sprachlos waren die politischen Vertreter in diese Ausschusssitzung ein zweites Mal. Nämlich als Angelika Schmitz, stellvertretende Leiterin im Kreisjugendamt, anklingen ließ, dass Karin Heinrichs in absehbarer Zeit andernorts im Kreis zum Einsatz kommen solle. Helga Borowski (SPD) brachte es an Karin Heinrichs gerichtet als erste auf den Punkt: „Sie kosten viel, aber ihre Arbeit erspart der Gesellschaft auch für Geld.“ Das Grundproblem, formulierte Schmitz erfahrungsrichtig, sei, dass jede Kommune eine Streetworkerin bräuchte. Es sei eben alles eine Frage der Finanzierung.

Vorerst bleibt Karin Heinrichs aber für die Jülicher und Aldenhovener erhalten. Für die Nachbargemeinde ist die Streetworkerin seit Anfang des Jahres zuständig.


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