Sechs Wochen im „Korridor der Blicke“

Jülich: Betrachten statt betiteln – Inge von Muellers Malerei
Von Britta Sylvester [15.10.2007, 10.49 Uhr]

Durch einen "Korridor der Musik" führte Leslie Webb…

Durch einen "Korridor der Musik" führte Leslie Webb…

„Das macht Lust ins Krankenhaus zu gehen,“ stellte Dr. Birgit Leyens vom Kunstverein Jülich fest. Gemeint sind die farbenfrohen Werke der Titzer Malerin Inge von Mueller. In den kommenden sechs Wochen werden Ärzte, Schwestern, Patienten und Besucher die ohnehin schon neu gestalteten Räumlichkeiten des St.Elisabeth-Krankenhauses aus einem anderen Blickwinkel betrachten können, gehen sie doch durch den „Korridor der Blicke“. Dennoch: „Die Gäste sollen keinen Tunnelblick erhalten“, warnte Dorothée Schenk anlässlich der Vernissage. Vielmehr fordere der mutige Pinselstrich die Auseinandersetzung der Betrachter mit dem ungewöhnlichen Werk. Wenn die Kunsthistorikerin auch keine Laudatio halten wollte – „Das macht man schließlich bei einer Preisverleihung, die Preise finden sie an den Werken.“ – so fand sie doch lobende Worte, erklärte den Gästen, wie die Bilder entstehen.

Vielen der großformatigen Bilder sieht man förmlich an, dass es in der Künstlerin brodelt, wie sie einmal selbst gesagt hat. Da kommt es schon mal vor, dass sie noch im Abendkleid vor der Staffelei landet, weil sie gerade eine Idee im Kopf hat, die danach verlangt, sofort umgesetzt zu werden. So erklärt sich vielleicht auch, dass Inge von Mueller ihre Werke oft weder signiert noch datiert. Den meisten fehlt gar der Titel. Das jedoch hat andere Gründe, die Malerin war es schlichtweg leid, dass sich Betrachter angesichts des Titels immer nur gefragt haben, warum das Bild wohl so heißt anstatt es wirklich zu betrachten. Die ungewöhnliche Methode verfehlt ihre Wirkung nicht. Kunsthistorikerin Schenk benannte Bild Nummer vier kurzerhand für sich neu: „Für mich ist das der Stier.“ Andere Bilder erinnern eher an eine Fahrt durch ein blühendes Rapsfeld, auf einem scheint ein blau gefärbter Dom in den Himmel zu wachsen. Aber das mag jeder Betrachter anders gesehen haben.

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zu den Werken Inge von Muellers in den "Korridor der Blicke", in den Kunsthistorikerin Dorothée Schenk die Gäste vorab begleitete.

zu den Werken Inge von Muellers in den "Korridor der Blicke", in den Kunsthistorikerin Dorothée Schenk die Gäste vorab begleitete.

Musiker Leslie Webb fügte der Vernissage einen weiteren Aspekt hinzu. Er verwandelte den langen Gang kurzerhand in einen Klang-Korridor und spazierte Klarinette spielend von ferne auf die Besucher zu. Diese lohnten es ihm mit reichlich Applaus und fasziniertem Zuhören, „Das klingt ja völlig anders als sonst.“ Schade, dass dieser Aspekt den künftigen Ausstellungsbesuchern fehlen wird. Dennoch, auch ohne die Klänge von „Georgia on my mind“ sind von Muellers Bilder eine nähere Betrachtung wert. Sand aus vielen Ländern dieser Welt gibt ihnen Struktur, ungewöhnliche Farbzusammenstellungen sorgen für Spannung.

Auf den konkreten Darstellungen lassen wenige, dafür aber sehr klare Pinselstriche die Gegenstände oder Personen, ein Mädchenpaar zum Beispiel, deutlich hervor treten. Auch dies ein Kennzeichen des Werks, das Unwesentliche wird weggelassen. Um dazu in der Lage zu sein, hat Inge von Mueller acht Semester Akt und ein Semester Anatomie studiert, denn, so Dorothée Schenk, „nur wer die Dinge wirklich erfasst, kann das Unwesentliche weglassen.“ Sechs Wochen haben die Jülicher jetzt Gelegenheit, durch den „Korridor der Blicke“ zu schlendern, vielleicht einen eigenen Titel für das eine oder andere Werk zu finden und sich zu fragen, welches wohl nach einer rauschenden Ballnacht entstanden sein mag.


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