„Doch einen Schmetterling hab ich hier nicht gesehn“

KZ, Kinder und der Tod - dramatisches "Zwischendrin"
Von Arne Schenk [06.05.2007, 15.36 Uhr]

Szenische Zwischenspiele verdeutlichten, dass alle Ghetto-Kinder wie durch ein Band mit ihrem kollektiven Schicksal untrennbar verbunden waren.

Szenische Zwischenspiele verdeutlichten, dass alle Ghetto-Kinder wie durch ein Band mit ihrem kollektiven Schicksal untrennbar verbunden waren.

„Die Grube ist voll. Schluss für heute.“ Im Spiel tragen Kinder die Leichen anderer Kinder weg und inszenieren dabei die Vision ihrer eigenen Zukunft. Wenn die eigene Ermordung zum Gegenstand des alltäglichen Daseins gehört, wirkt das für die vierte Nachkriegsgeneration wie scharfer Sarkasmus. Für Kinder und Jugendlichen in den jüdischen Ghettos und Lagern des Dritten Reiches hingegen stellte diese Situation eine bittere Realität dar, in der sie ihre kleinen Nischen suchten, um ihren Träumen und Hoffnungen nachhängen zu können.

Umso bemerkenswerter ist die Leistung des Jugendtheaterensembles „Zwischendrin“, das sich am Freitag und Sonntag dieser Thematik im Kulturbahnhof Jülich widmete. In dem Theaterstück „Doch einen Schmetterling hab ich hier nicht gesehn“ von Lilly Axster verwoben die Akteure collageartige Szenen aus Erfahrungen von Zeitzeugen zu einer eindrucksvollen Kurzgeschichte aus dem Lagerleben.

Ein Fußballspiel findet sein jähes Ende, als ein hungriges Kind den Kartoffelball einfach aufisst. Doch die Darsteller können nur einen kleinen Eindruck davon geben, wie beißend der Hunger gewesen sein mochte, als das „Märchen von der zweiten Portion“ kursierte und die Bitte um etwas Brot immer die Angst vor der eigenen Ermordung beinhaltete. Verhungern oder Vergasung – im günstigsten Fall konnte man die eigene Todesart bestimmen. „Nach rechts in den Tod oder nach links auf die Wartebank zum Tod.“

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Sonja Wirtz (M. 3.v.r.) inszenierte  das KZ-Jugenddrama.

Sonja Wirtz (M. 3.v.r.) inszenierte das KZ-Jugenddrama.

Träume von Freiheit, der Sehnsucht nach dem Meer, nach Beruf, Schule, Hochzeit oder einfach danach, einmal über einen Markt zu schlendern und Geschäfte zu betrachten, schienen derart vermessen, dass sie direkt in das Reich der Unmöglichkeit verbannt wurden. Gerade dieses Einfühlungsvermögen, dieser Unvorstellbarkeit einen szenischen Ausdruck zu verleihen, ohne ins übertrieben Dramatische oder gar Karikatureske abzugleiten, ist außergewöhnlich. Genau dies schafften Tabea Amthor, Carolin Kaspareit, Frauke Koslowski, Anni Kutscher, Yamila Lenzen, Jacqueline Lüttgen, Annegret Neubauer, Miriam Rateike, Katja Spiller, Maxi von Klitzing und Martin Schulz.

Besonders hervorhebenswert ist dabei die Arbeit von Sonja Wirtz. In nur drei Monaten vermittelte sie den 14 bis 18-jährigen Mädchen die Grundlagen der Schauspielkunst. Drei weitere Monate benötigte sie als Regisseurin, um das Theaterstück mit dem Ensemble zu inszenieren. Dabei verzichtete sie auf eine üppige Bühnenausstattung. Die Aufschrift „Brausebad“ mit einem Pfeil in Richtung rechts und einem Duschsymbol auf einer schwarzen Wand - mehr erforderte es nicht, um das Grauen anzudeuten.

Für Sonja Wirtz ist es befremdlich und unverständlich, dass der Faschismus immer noch viele Anhänger findet. „Es ist immer wichtig, Stellung zu beziehen und die Vergangenheit nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.“

Die letzte Aufführung ist am Sonntag, 6. Mai, um 20 Uhr im Kulturbahnhof Jülich.


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