12.-Klässler zeigen „Luzifers Nöte“

Jülich: Teuflisch-komische Nachhilfe in Demokratie
Von Dorothée Schenk [19.04.2007, 08.46 Uhr]

Die Autobahn ist freigegeben - Luzifer macht den ersten Schnitt.

Die Autobahn ist freigegeben - Luzifer macht den ersten Schnitt.

Die Premiere war mehr als ein Familienereignis, obwohl die Stadthalle Jülich vollbesetzt mit Verwandten und Freunden des Ensembles war. Der Literaturkurs des Gymnasiums Zitadelle zeigte die Komödie von Rolf Stemmle „Luzifers Nöte mit der Demokratie und der Autobahn“. Obwohl sicher die amüsanten Pointen nicht zu übersehen und -hören waren, ist das Stück im Grund eine teuflisch augenzwinkernde Spiegelung der politischen Welt der Gegenwart und damit eine böse Satire. Wie es Schulleiter Peter J. Reichard bei der Begrüßung formulierte: „Sie werden leicht ihren Nachbarn wieder erkennen, schwerer wird es, sich selbst zu erkennen.“

Dabei gab es reichlich Identifikationspotential: Subtil wurde die Geschichte der Spaßgesellschaft erzählt, davon, wie sich Machthaber zu sicher in ihrer Position fühlen und die Aktualität sie schließlich überholt. Nachhilfe in Demokratie und Wahlverhalten gab es schließlich nebenbei. Erquicklich in den Spiegel gucken durfte das Publikum, als es um das Wählerverhalten ging: Wen interessieren schon Menschlichkeit und Verantwortlichkeit, wenn man sich der heimeligen Berechenbarkeit des Lebens („Nur keine Experimente!“ hingeben kann oder dem Geschwindigkeitsrausch mit flotten Autos. Demokratie ist eben einfach die Hölle.

Gespielt und in Szene gesetzt, souffliert und beleuchtet hat sie in überzeugender Weise der Literaturkurs des Gymnasiums Zitadelle unter der Regie von Pädagogin Sigrid Albers. So gar nicht „Luzifers Nöte“ hat das Nachwuchs-Ensemble: Bestens bis in die letzte Statisten-Teufelchenrolle besetzt war das Stück: Die Esoterikgruppe um Königin Abraxe (Anastasia Vitusevych) mit Tanztherapeutin Bettina Jacobi (Mira Kremers), Sabine Köhler (Nadja Rieke), Beelzebine – seit 200 Jahren unglücklich in Napoleon verliebt – (Rebecca Schulleri), Vampirella (Carina Weisweiler/Anne Bäumker) und Mephistera (Modan Huang); das Verwaltungspersonal mit Pfortenengel Bonifazius (Jan Oebel), Pfortenteufel Schmierig (David Plum) und Dienerteufel Krätzig (Stefan Sibirtsey); schließlich der Ideengeber zum spaßigen Sünderaufstand Dr. Walter Köhler (Tobias Schwirtz), Moderatorenteufel Salzig (Thomas Frerich) und Masseurin Draculine (Birte Imme), die ihren Meister Luzifer zu heftig-lustvollen Freudensstöhnern zu bringen vermochte.

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Der Dichter-Denker und Frauenfreund gibt Nachhilfe in Demokratie

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Dieser war herausragend von Richard Hommel dargeboten – erst herrlich überheblich, gelangweilt und schließlich kindlich schmollend als man ihm sein Machtspielzeug abnimmt. Daneben sein Antagonist Patrick Burauel, philosophisch-vergeistigt und gestenreich mit schwarzem Barett als Künstler gleich erkennbar in der Rolle des Dichters Dr. Rüdiger Blume. Stetig in ein charmantes Lächeln gekleidet wurde ihm die Bühne oft zur Kanzel für seinen Text, die Überzeugung für Werte. Schließlich war er nur aus Versehen, aus Liebe, zum Mörder und damit zur Hölle verdammt worden. Allen voran aber spielte Thorben Vockenberg ausdrucksstark den Adlatus Ranzig. Der schlacksige junge Mann übersteigerte seine Stocksteifheit noch durch die schwarze überlange Dienerjacke und das kleine Bärtchen. Er ist der geheime Held und Meister von „Luzifers Nöten“, der Lenker, Denker und das „Chamälion“, das schon in Zeiten der „Braunen“ seinen Kopf zu retten wusste – das allerdings brachte ihn schließlich im wahrsten Sinne in Teufels Küche. Dazu hat er den Schalk im Nacken. Ein wenig zwischen dem Narren der Königs und einem hochherrschaftlichen Butler legte Vockenberg die Rolle an und überzeugte vorbehaltlos.

Wer sich dem Vergnügen hingeben möchte, kann noch die Aufführung am Freitag, 20. April, ebenfalls um 19.30 Uhr in der Stadthalle besuchen. Allerdings gibt es dann eine etwas andere Besetzung, denn es gibt mehr gute Schauspieler im Literaturkurs der 12. Klasse des Gymnasiums Zitadelle, als es Rollen gibt.

Die Eintrittskarten zum Preis von 2,50 Euro sind im Körber-Shop und in der Buchhandlung Fischer erhältlich.

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