Zauberei war „Westspitze“

Jülich: Falsche Zehner und Uhren auf Nuss
Von Dorothée Schenk [08.11.2006, 14.43 Uhr]

„Wer es in Jülich schafft, schafft es überall“, tönt vollmundig Westspitzen-Moderator Kay Schmid. Das wird sich zeigen, denn die Gala der Besten steigt am Freitag, 10. November, in Aachen und… nur einer kommt durch. Das galt auch für die drei Probanden, die sich in der Sparte Varieté im Kulturbahnhof vorstellen.

Powerdienstleister Waldemar Müller will auf der Karriereleiter nach oben und lässt sich dabei von Publikumskandidaten Herrn Uwe und Herrn Zimmermann helfen.

Powerdienstleister Waldemar Müller will auf der Karriereleiter nach oben und lässt sich dabei von Publikumskandidaten Herrn Uwe und Herrn Zimmermann helfen.

Bestens durch „Bürobik“ präpariert hatte sich Herr Waldemar Müller. Der selbsternannte Powerdienstleister, der einst als bei Leitz als Büroordner seine Ausbildung machte, präsentierte sich als treffsicherer Jongleur und hatte mit seiner einfallsreichen Nutzung des Büros als moderne „Mukkibude“ – von Telefonhantel bis Locher-Finger-Trainer und Kleiderbügel-Expander – die Lacher oft auf seiner Seite. Hochdekoriert ist Müller, mit bürgerlichem Namen Armin Nagel, der sich als Vertreter der physical comedy dem thematischen Schwerpunkt „Moderne Arbeitswelten“ verschrieben hat. Er verlangt sich auch einiges ab: In seinen sportlichen Übungen und Slapstick-Nummern treibt es ihn hoch hinaus, bis der Schweiß von der Nase tropft. Kein Wunder, dass er sich schließlich zum Sieger der Powerdienstleistungs-WM und Mitarbeiter des Monats kürt– da bleibt das Lachen dann schon mal komisch im Halse stecken.

Nicht die Lachmuskeln, die Sinne sprachen Tap 5 – Die Stepcompany, alias Jutta Maas und Thomas "Kelly" Kolczewski, an. Trittsicher gelangten sie in den Gehörgang des vollbesetzten KuBa und lieferten sich eine herrlich schauspielerische Fuß-kusion, wenn sie im Frage-Antwort-Modus nicht nur die tänzerisch sondern auch mimisch-gestisch ihre Choreographie als öffentlichen Flirt austrugen. Tap 5 sind bereits für ihr Können mit dem Weltmeistertitel im Steptanz und dem innovativen Choreographiepreis „Tap Ahead Award“ des tanzhaus nrw ausgezeichnet worden. Bestens zu inszenieren versteht sich Kolczewski, während sein Gegenpart mit weiblichem Charme besticht. Von jazzig bis poppig steppten sie durch die Musikgeschichte(n) und zogen die Zuschauer gekonnt in Bann. Schade nur, dass neben der Fasziniation für Geschwindkeit, Rhythmus und Musik sicher den meisten im Publikum die wahre Könnerschaft des Duos verborgen geblieben ist. Hier wäre eine eigene Westspitzen-Kategorie Tanz wünschenswert.

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Strahlender Westspitzen-Preisträger Monsieur Brezelberger mit Organisatorin Marianne Lohmer.

Strahlender Westspitzen-Preisträger Monsieur Brezelberger mit Organisatorin Marianne Lohmer.

Da hatte es mit seinem gelackelten französischen Charme Monsieur Brezelberger ungleich leichter. Mit gebleckt-gebleachter ebenmäßiger Zahnreihe, die er übertrieben im Lichterglanz erstrahlen ließ, zauberte er sich mit dem Betreten der Bühne in die Publikumsgunst. Das Spiel mit der Überheblichkeit und Selbstüberschätzung gelingt dem „Verschnitt aus David Copperfield und Michael Schanze“ durch Selbstironie. Er führt sich selbst als Nichtkönner und Maulheld vor, um dann Zitronen aus viel zu kleinen Behältnissen zu zaubern, die Ahnung einer magischen Manipulation zu hinterlassen, wenn er drei Publikumskandidaten sich in beliebiger Reihenfolge aufstellen lässt und sie dennoch den passenden Stuhl zum passenden Spruch mit dem passenden Kartoninhalt auf dem Stuhl vorfinden. Verwirrend. Klassisch mutet da schon eher die Nummer an, in der einem Gast die Uhr abgenommen wird, angeblich zur Vergoldung, tatsächlich kommt sie als „Puzzlespiel“ wieder zum Vorschein, um schließlich in einer originalverpackten Erdnussbüchse wieder zum Vorschein zu kommen. Dass ist „Maggi“, wie Monsieur Brezelberger nicht müde wurde zu betonen.

Während das Publikum sich schnell einig war – nicht nur, weil der Zauberer als letzter Kandidat am besten in Erinnerung war – war die Jury offenbar in längere Diskussionen verstrickt. Währenddessen zauberte Moderator Kay Schmid, der selbst magische Shows anbietet mal schnell einen Hunderter aus dem Zehn-Euro-Schein eines Gastes, den er - nicht wirklich zur Freude der Besitzerin – in eine Spendenbescheinigung umwandelte, um den glücklich wiederhergestellten Schein aus einer der drei Zitronen des Brezelbergers herauszuholen. Ein ganz eigener Wettbewerbsbeitrag quasi.

Aber dann stand der Sieger fest. Organisatorin Marianne Lohmer durfte die Trophäe des Abends an den „Franzosen“ überreichen, der überschwänglich strahlte „Jülisch, isch liebe Disch“ und dann sängerisch bekannte „Isch bin von Kopf bis Fuss auf saubern eingeschtellt“. Ob er ähnlich überzeugend bei der Abschlussgala abschneidet, weist sich am Freitag, 10. November. Die Preisträger – Nessi Tausendschön in der Kategorie Chanson, die A-Capella Formation-Mauf, Kabarettist Peter Vollmer, der Comedian Desimo und natürlich Monsieur Brezelberger – treten zur Gala in Aachen auf die Bühne. Hier wird dann der Westspitzen-Gewinner um 3500 Euro Preisgeld reicher. Im Alten Kurhaus in Aachen moderiert Mirja Boes das Festival-Finale.

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