Exerzitien im Alltag

Im Heckfeld Geschmack am Glauben finden
Von Dorothée Schenk [09.04.2017, 14.12 Uhr]

Einen Ruhepol im Alltag finden. Innehalten, dem eigenen Getriebensein im Leben regelmäßig einen Ort des Atemholens zu geben, dazu dienen Exerzitien im Alltag. Seit fast 20 Jahren wird in St. Rochus Jülich diese Tradition in der Fastenzeit gepflegt.

„Spielzeit: Leben“ war das Thema der Exerzitien 2017.

„Spielzeit: Leben“ war das Thema der Exerzitien 2017.

Es ist eine höchst private Stimmung in der Alltagskapelle im Gotteshaus des Jülicher Heckfeldes. Sieben Frauen zwischen 40 und 80 Jahren sitzen im Kreis, zwei samtene Tücher liegen auf dem Boden, darauf sind ein Mühlespiel, ein Schachspiel und eine Flöte um eine brennende Kerze gruppiert. Symbole für das Exerzitien-Thema „Spielzeit: Leben“. Die Frauen lassen sich dabei von ihrem Seelsorger Pfarrvikar Konny Keutmann und Gemeindemitglied Ursula Schmidt an die Hand nehmen. Und das mit offensichtlich großem Vertrauen.

„Erzählen wir uns, was uns für Gedanken gekommen sind, was wir empfunden haben, was uns berührt und bewegt hat und durchaus auch das, was uns nicht so nahe gekommen ist, womit wir nicht zurechtgekommen sind“, fordert Ursula Schmidt auf. Das Zuhören und die Selbstreflexion stehen im Zentrum. Es geht nicht um eine Wertung, Diskussion oder einen Dialog. „Wie wichtig ein Neuanfang ist, dass man immer wieder eine neue Chance bekommt, egal wie viele Missgeschicke passieren“ – diesem Impuls hat eine Teilnehmerin im eigenen Berufsleben gleich nachgespürt und ihn als gewinnbringend im Alltag erlebt.

Schwer getan hat sich ihre Sitznachbarin mit der Gedankenanregung: „Wann bin ich authentisch, wann spiele ich eine Rolle?“ Die Frage stellte sich ihr, wann sie selbst eine Rolle annimmt, auch wenn sie sich als „ehrliche Haut“ sieht. Von einer wiedergefundenen Erinnerung und Gedanken zum Thema „unentschieden“ erzählte die Nächste in der Runde. Sie schilderte, wie ihre tägliche Achtsamkeit zugenommen habe, wenn es darum gehe, eine bewusste Haltung einzunehmen.

Zu den „Hausaufgaben“ der Woche gehört es für die Teilnehmerinnen auch, Gebete zu formulieren. „Gott liebt mich, fühle ich mich deshalb so wohl in seiner Nähe?“, war eines, das in der Runde laut ausgesprochen wurde.

„Christ sein im alltäglichen Leben neu einzuüben und dem, was ich tue, eine neue Orientierung in der Botschaft Jesu zu geben,“ so formuliert Pfarrer Konny Keutmann den tieferen Sinn dieser Vorbereitung auf Ostern. Im Alltag ist es spürbar mehr: Geschenkte Gemeinschaft in der Freude, sich gegenseitig Impulsgeber zu sein auf einem gemeinsamen Weg.

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Drei Fragen an Pfarrvikar Konny Keutmann, der die „Exerzitien im Alltag“ als Seelsorger begleitet:

Wie beschreiben Sie den „Nutzen“ von Exerzitien im Alltag?

Das ist eine Fragestellung, die sehr stark auf die Denkweise der heutigen Zeit abhebt. Exerzitien sind begründet von Ignatius von Loyola und fanden ursprünglich im Kloster statt. Vor rund 20 Jahren ist das Modell „Exerzitien im Alltag“ entstanden, zu denen sich Menschen in regelmäßigen Abständen treffen. Zu einem Oberthema finden sogenannte geistliche Übungen statt. Es ist ein Weg, um die Gegenwart Gottes mitten im alltäglichen Leben neu zu entdecken, Kraft zu schöpfen, ich sag‘ mal, ein Stück neuen Geschmack am Leben und Glauben finden zu können.

Erreicht dieses Angebot überwiegend Frauen?

Man kann eine Tendenz feststellen, dass das Angebot eher einen offenen Widerhall findet bei Frauen. Ich glaube, die sind da offener, empathischer, sensibler unterwegs.

Ostern naht, und die Exerzitien im Alltag gehen dem Ende zu. Gibt es eine „kleine Vorbereitung“ als Exerzitien im Alltag in der Karwoche?

Dieser Freiraum, diese Auszeit, die Zeit der inneren Einkehr und Ruhe empfinde ich immer sehr wohltuend, stabilisierend, weil ich selber nicht mehr in der Rolle dessen sein muss, der produzieren und liefern muss, sondern in der ich den Freiraum habe, mich sein lassen zu dürfen mit der Frage: Was treibt Dich an? Was motiviert Dich? Was sind Deine Träume? Und denen noch einmal in einem geschützten Raum nachgehen zu können. Der Begriff Entschleunigung trifft es eigentlich. Bei allem, was es zu tun gilt – Ferien, Ostern, das Fest vorbereiten, die Familie kommt – , dass ich mir ein bisschen Zeit und Muße nehme zwischen allen Dingen, die auch wichtig sind und ihren Platz haben. Die Aufforderung lautet: Tue etwas für Dich, nimmt Dir Zeit für die Inneneinrichtung Deines Herzens.


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