Veranstaltung des Runden Tisches gegen Gewalt an Frauen

Fatma B. las zum Thema „Zwangsheirat“
Von Dorothée Schenk [11.09.2005, 18.06 Uhr]

Gespannt verfolgen die Gäste in der Buchhandlung Fischer der Lesung von Fatma B.

Gespannt verfolgen die Gäste in der Buchhandlung Fischer der Lesung von Fatma B.

Noch immer ist sie nicht frei. Manches Mal wird die Stimme brüchig, die dunklen Augen schimmern feucht. Auch nach fast 15 Jahren noch. Damals wagte Fatma Sonja Bläser den entscheidenden Schritt aus ihrer kurdisch-türkischen Familie in die Arme ihres deutschen Mannes. Ihre Lebensgeschichte legte sie in dem Buch „Hennamond“ nieder. Jetzt las sie im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Zwangsheirat“ – initiiert vom Runden Tisches gegen Gewalt an Frauen des Kreises Düren - daraus in der Buchhandlung Fischer.

Fatma B. erzählt von ihrem fremdbestimmten Leben, von der Gewalt, die Kindern und Frauen in islamischen Familien angetan wird. Mehrfach wurde sie so schwer zusammengeschlagen von ihrem Vater, dass sie im Krankenhaus stationär behandelt werden musste. Von der fehlgeschlagenen Integration der Familie in Deutschland – von den mangelnden Integrationsversuchen der türkischen Familie in Deutschland. Verbot des Schulbesuchs aber gleichzeitig mangelnder Aufmerksamkeit der deutschen Pädagogen, die nicht nachfragten, warum Fatma monatelang „krank“ war. Der Ausbruch, als man sie – wie es viele ihrer Geschlechtsgenossinnen erdulden müssen – zwangsverheiraten will. Anschließend die Flucht und Verfolgung durch ihre türkische Familie. Die inzwischen 40-jährige vermittelt eine differenzierte Sicht auf beide Gesellschaftsmodelle und Kulturkreise. Fatma Bläser schönt nicht, vermeidet aber auch Schuldzuweisungen.

Für Fatma Bläser war die Einladung ein Grund zur Freude weil es zeige, dass Zwangsheirat und der damit verbundene Missbrauch des männlichen Ehrenkodexes in der islamischen Welt ernst genommen werden. „Es ist nicht nur ein Problem von Ausländern, sondern aller. Wir leben ja miteinander.“ In der anschließend angeregten Diskussion kommt der verhaltene Zorn der Autorin zum Ausdruck, dass sich in all den Jahren nichts geändert hat. „Die dritte Generation ist viel extremer geworden.“ Ghettoisierung und Arbeitslosigkeit seien zwei Gründe, aber auch „Sprachlosigkeit“ resultierend aus mangelnder Deutschkenntnis.

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Gruppenbild der Damen: Initiatorin Elke Ricken-Melchert, Gastgeberin Eva Berens-Hommel, Autorin Fatma B. und Maria Brenner, Frauen helfen Frauen aus Jülich.

Gruppenbild der Damen: Initiatorin Elke Ricken-Melchert, Gastgeberin Eva Berens-Hommel, Autorin Fatma B. und Maria Brenner, Frauen helfen Frauen aus Jülich.

In den rund 5000 Moscheen in Deutschland würde in der Hälfte nach alten Traditionen unterrichtet. Nur zu diesem Zweck würden Imame für zwei bis drei Jahre aus der Türkei eingeflogen. Fatma B. spricht sich eindeutig gegen private Religionsschulen aus. „Dort wird Gehirnwäsche betrieben“, betont sie. „Das ist falschverstandene Toleranz.“

Buchhändlerin Eva Behrens-Hommel hatte spontan zugestimmt, als die Leiterin des Runden Tisches gegen Gewalt an Frauen, Elke Ricken-Melchert, ihr eine Lesung mit der Autorin vorschlug. „Das Thema ist aktueller als ich dachte – auch hier in Jülich“, schlug Behrens-Hommel zur Einführung den Bogen vom Ruhrgebiet an die Rur. Froh sei sie darum, dass unter den Gästen, von denen man sich wegen des Themas einige mehr gewünscht hätte, vor allem Multiplikatoren seien. „Sie werden das Thema weiter nach außen tragen.“

Zahlen und Fakten

Die Leiterin des Runden Tisches gegen Gewalt an Frauen, Elke Ricken-Melchert, hatte einige Zahlen der Lesung vorangestellt: Uno-Schätzungen zufolge werden in Deutschland 30.000 Frauen jährlich zwangsverheiratet.

Der Deutsche Städtebund zählte in diesem Sommer alleine zehn getötete Frauen, die Ehrenmorden zum Opfer gefallen sind. Das heißt Familienmitglieder haben diese Frauen getötet, weil sie sich in ihren Augen ehrenrührig verhalten haben. Darunter kann schon das Ansehen eines anderen Mannes fallen oder eine Liebesbeziehung zu einem Christen.

Fatma B. unterhält eine eigene Website, auf der sich von Zwangsverheiratung bedrohte Frauen informieren und Hilfe holen können. Besonders viele Zugriffe hat die Autorin in Juni und Juli – vor der Ferienzeit. 1200 waren es in diesem Jahr.

Zur Homepage von Fatma B.


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