Hauptschüler können von Zeit-Geschichte nicht genug bekommen
Von Redaktion [01.07.2010, 09.15 Uhr]

Es ist 8.20 Uhr. Gespannt erwarten die Schüler des neunten Jahrgangs der GHS Jülich den Autor Helmut Clahsen. Die Schüler wissen, dass heute das Leben in der NS-Zeit Gesprächsthema sein wird. Im Vorfeld hörte man gelegentlich Äußerungen wie „Das ist doch Schnee von gestern“. ??

Nun betritt der 79-Jährige selbstbewusst den Klassenraum. Kann dieser Überlebende des NS-Terrorregimes den jungen Menschen, die sich mit Computer und Handy bestens auskennen, noch etwas bieten? Helmut Clahsen verbrachte seine Kindheit als Halbjude in Aachen. Väterlicherseits war da die katholische Familie, die den Nazis positiv begegnete. Im Kontrast dazu stand die jüdische mütterliche Seite. Der Zeitzeuge berichtet gleich zu Beginn, dass er als Jugendlicher im Nazi-Deutschland die Schule nicht besuchen durfte. So fehlte es ihm nach dem Krieg an entsprechender Schulbildung. Aus eigener Erfahrung weiß er deshalb, wie wichtig ein Schulabschluss ist, und er fordert die Schüler eindringlich dazu auf, sich darum zu bemühen. ?

Lebhaft schildert der alte Mann seinen Hass gegen seine katholische Tante Mary, die 13 Kinder großzog, wobei eines unter Epilepsie litt. Für die Nazis war dieses kranke Kind unwertes Leben. Damit Tante Mary ihr Kind behalten konnte, denunzierte sie monatlich Menschen aus der Umgebung, die dann von der SS abgeführt wurden. Die Tante und ihre Tochter überlebten den Krieg. Doch wie schwer muss das Gewissen ihren Alltag dann belastet haben? Hatte dieselbige doch einstmals gerufen: „Die Scheiß-Juden, schießt die Juden kaputt!“

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Die Schüler lauschen der emotionsgeladenen Erzählung aufmerksam. Selten ist es so ruhig in der Klasse. Sie erfahren, dass die Oma mütterlicherseits sich dem Nazi-Regime widersetzte. Helmut Clahsen berichtet von einem Besuch im Park. Auf den Bänken stand die Aufschrift „Für Juden und Hunde“ verboten. Seine Oma sagte dazu: „Wenn ich alle Verbote einhalten würde, könnte ich mich nicht mehr als Mensch fühlen.“

Mit Witz und Humor schildert er eine Situation, als seine Oma auf der Parkbank sitzend bei einer Kontrolle des Ausweises in Gefahr geriet. Je bedrohlicher die Situation wurde, um so erfinderischer wurde er in seinem Handeln. Just im richtigen Moment ließ er sich als kleiner Junge rücklings ins Goldfischbecken des Parks fallen und lenkte durch heftiges Geschrei alle Beteiligten ab. Im spannendsten Augenblick ertönt der Schulgong.

Siehe da, die Schüler stehen zögernd und unwillig auf. Da fällt der entscheidende Satz: „Können Sie nicht noch einmal wiederkommen? Wir hätten so gerne noch mehr gehört.“ Helmut Clahsen erwidert spontan: „Gerne! Dann dürft ihr mir ganz viele Fragen stellen.“ Somit gibt es nur eine Antwort nach der Lesung. Der weise alte Mann konnte den Jugendlichen etwas bieten, er überzeugte durch authentische Erzählung.


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