Von der wechselvollen Geschichte der Ökumene in Jülich
Von Arne Schenk [29.04.2010, 14.51 Uhr]

Pfarrer Dr. Thomas Kreßner (l) und Dr. Peter Jöcken sind sich einig: Die Christen sind eine praktizierende Minderheit geworden.

Pfarrer Dr. Thomas Kreßner (l) und Dr. Peter Jöcken sind sich einig: Die Christen sind eine praktizierende Minderheit geworden.

„Alle, die Christus als ihren Herrn bezeichnen, sitzen in einem Boot“, konstatierte Dr. Thomas Kreßner, evangelischer Pfarrer im Ruhestand, als er gemeinsam mit seinem katholischen Kollegen Dr. Peter Jöcken „die wechselvolle Geschichte der Ökumene in Jülich“ beleuchtete. „Evangelisch und Katholisch – gegen- neben- und miteinander“ kennzeichnen die verschiedenen Phasen dieser konfessionellen Begegnung über die Jahrhunderte.

Seit exakt 400 Jahren existiert die Evangelische Kirchengemeinde Jülich, vor 100 Jahren wurde die vergrößerte Christuskirche am jetzigen Standort eingeweiht, wo die vereinigten lutherische und reformierte Gemeinde fortan ihre Gottesdienste feiern konnte. Das Jubiläumsjahr dieser beiden Ereignisse ist mit einem reichhaltigen Programm gespickt, dessen Auftakt die „Geschichte der Ökumene“ darstellte.

Dabei stand natürlich der historische Verlauf im Mittelpunkt des Geschehens, aber auch die persönliche Vita in Sachen Begegnung mit der anderen Konfession. Auf der einen Seite der „lupenreine Lutheraner“ Kreßner, der nach dem Krieg aus dem sächsischen Zwickau mit seinen Eltern an das rheinische Rodenkirchen vor den Toren Kölns zog, wo er erstmals Kontakt zur katholischen „Fraktion“ bekam, auf der anderen Seite der Priester Jöcken, der in seiner Geburtstadt Krefeld in einem liberalen Umfeld mit Baptisten, Zeugen Jehovas, Juden sowie Menschen, die aus der evangelischen und katholischen Kirche ausgetreten waren, aufwuchs.

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Ein besonderes Faible für die religiöse und philosophische Diskussion gerade auch mit Andersgläubigen hegte Dr. Jöken, während sein protestantischer Kollege fasziniert war von der eindrucksvollen Fronleichnamsprozession. Da musste Mutter Kreßner den Sprössling vom Fenster wegzerren, weil dieser unerhörter Weise von der „falschen“ Zeremonie nicht genug bekommen konnte.

Zwar gab es hier wie dort interkonfessionelle Sticheleien und sogar Scharmützel, aber aus Sicht der Ökumene habe der Krieg etwas Positives gehabt. Durch die gemeinsame Internierung von Kirchenleuten unterschiedlicher Konfession, aber auch durch den Flüchtlingsstrom aus dem Osten vermengte die sich die ursprünglich katholische rheinische Bevölkerung zusehends mit Protestanten, häufig durch Mischehen.

Natürlich ging es um die evangelische Geschichte Jülichs in Gänze, seit im Jahr 1610 infolge des Falls der Herzogstadt nach der Belagerung während des Jülich-Klevischen Erbfolgestreits und der anschließend erteilten Erlaubnis, im Städtchen an der Rur die evangelische Religion ausüben zu dürfen. Was die Historie aber besonders mit Leben erfüllte, war der Austausch der eigenen Erinnerungen.

So erzählte das Ehepaar Dr. Peter und Elfriede Nieveler aus der Jugendzeit, als ihr Elternhaus auf dem Grund des jetzigen Dietrich-Bonhoeffer-Haus stand. Gerne hätte sie im Garten des protestantischen Pfarrers Hermann Barnikol gespielt, doch die Pfarrersfrau scheuchte die katholischen Kinder immer weg. Allerdings war auf der anderen Seite der geistliche Nachwuchs traurig darüber, niemanden zum Spielen gehabt zu haben.

Von ihren Eindrücken in Sachen Ökumene berichtete die Katholikin Ursula Schmidt vom ökumenischen Arbeitskreis, nachdem sie als Kind 1946 nach Jülich kam. Die übliche Sicht auf die „Anderen“ und die damit verbundene Charakterisierung: „Du meinst die, die kenn’ ich, die sind evangelisch“ genau so wie die Begegnung mit dem „gewaltig netten Protestanten“ Dr. Thomas Kreßner.

„Meine engen Grenzen, meine kurze Sicht bringe ich vor Dich. Wandle sie in Weite, Herr erbarme Dich“ erklärte sie zum „Mottolied“. Indes zog Dr. Kreßner nüchtern das Fazit: „Wir sind als praktizierende Christen eine Minderheit geworden.“ Somit säßen sie eben gemeinsam in einem Boot.


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