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Jülicher Zeitung / Titel Jülich / Seite 1
Weniger arme Kinder, aber dennoch zu viele
Von Jülicher Zeitung / Titel Jülich / Seite 1 [01.03.2012, 08.05 Uhr]
Jülicher Zeitung /Do, 1. Mär. 2012/ Titel Jülich / Seite 1 Von Günther Voss
Berlin. Zahlen lügen nicht – und doch deutet sie jeder auf seine Weise. Ein Beispiel dafür liefert einmal mehr die Statistik über die Entwicklung der Kinderarmut in Deutschland. Während sich Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) jüngst darüber freute, dass die Zahl der auf Hartz IV angewiesenen Kinder unter 15 Jahren innerhalb von fünf Jahren von 1,9 Millionen auf 1,6 Millionen zurückging, schlagen andere Alarm.
Die Kinderarmut sei dabei, sich auf hohem Niveau zu verfestigen, warnte der Geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrsverbandes, Ulrich Schneider, gestern bei der Vorstellung einer Studie in Berlin. Für ihn ist nicht die rückläufige absolute Zahl der armen Kinder entscheidend, sondern deren nach wie vor hoher Anteil an allen Kindern. Und diese Quote sei seit Einführung von Hartz IV im Jahr 2005 nicht nennenswert gesunken – jedenfalls bundesweit betrachtet.
„Wir haben in Deutschland nach wie vor eine skandalös hohe Kinderarmut“, sagte Schneider – und macht dafür das System Hartz IV verantwortlich. Nach den Zahlen seines Verbandes sank die Armutsquote – der Anteil von Kindern in Hartz IV unter allen Kindern – zwischen Ende 2006 und 2011 von 15,6 auf 14,9 Prozent – also nur geringfügig. In manchen Regionen wie dem Ruhrgebiet hat die Kinderarmut sogar dramatisch zugenommen.
Dabei macht sich auch ein demografischer Effekt bemerkbar: Weil die Gesamtzahl der Kinder im Untersuchungszeitraum um knapp sieben Prozent oder knapp 800?000 zurückging, gibt es auch weniger Kinder in Hartz IV. „Wenn wir keine Kinder mehr haben, ist auch das Thema Kinderarmut erledigt“, sagte Schneider mit ironischem Unterton.
Nach der Studie sind kinderreiche Familien und Alleinerziehende besonders armutsgefährdet. Schneider kritisierte erneut die Arbeitsmarkt- und Rotstiftpolitik der Bundesregierung: Es greife zu kurz, wenn man vor allem auf den Ausbau der Kinderbetreuung setze, denn die Hälfte der Frauen habe keinen Berufsabschluss. „Ohne passgenaue Hilfen bei der Qualifizierung wird man den meisten Alleinerziehenden im Hartz-IV-Bezug nicht helfen können.“
Schneider forderte eine Reform des Kinderzuschlags, da dieser zu wenig Niedrigverdiener vor dem Abrutschen in Hartz IV bewahre, sowie eine Erhöhung der Hartz-IV-Kinderregelsätze. Da das Bildungspaket für bedürftige Kinder mit seinem Gutscheinsystem „gefloppt“ sei, verlangte er eine Bildungsoffensive und einen pauschalen Anspruch für einkommensschwache Kinder auf Teilhabe.
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