Interview mit Gleichstellungsauftrager Katarina Esser zum 10. Jülicher Kunsthandwerkerinnen-Markt

Marktfähigkeit ist erwiesen
Von Dorothée Schenk

Der Kunsthandwerkerinnen-Markt ruft am 28. Juni 2003 zum 10. Mal nach Jülich. Veranstalterin Katarina Esser erzählt zum Jubiläum von der Geschichte, Sinn und Zweck der Veranstaltung.

Katarina Esser organsiert seit zehn Jahren mit Brigitte Habig den Kunsthandwerkerinnen-Markt in Jülich

Katarina Esser organsiert seit zehn Jahren mit Brigitte Habig den Kunsthandwerkerinnen-Markt in Jülich

Zeitsprung ins Frühjahr 1994. Wie war die Stimmung so kurz vor der Premiere des ersten Kunsthandwerkerinnen-Marktes?

Katarina Esser: Über Mundpropaganda und einen öffentlichen Aufruf waren in kürzester Zeit 54 Anmeldungen eingegangen. In dieser, rückblickend ganz kleinen Auflage des Kunsthandwerkerinnen-Marktes, sind wir gestartet. Wir wussten nicht, wie die Resonanz beim Publikum sein würde. Das war ganz schön spannend. Der Markt ist 1995 bereits auf das Doppelte angewachsen. Heute nehmen wir nehmen 200 Frauen auf und haben weitaus mehr Anmeldungen, als wir berücksichtigen können. Die Bewerbungen kommen aus ganz NRW, benachbarten Bundesländern aber zunehmend auch aus den Nachbarländern, wie Belgien und den Niederlanden.

Wann bewegte sich das Projekt zum ersten Mal in den Köpfen?

Katarina Esser: Das war im Sommer ‘93. Brigitte Habig vom Verein „Frauen helfen Frauen“ und ich kannten Frauen, die sehr anspruchsvolle Arbeiten fertigten, obwohl sie keine ausgebildeten Kunsthandwerkerinnen waren. Sie trauten sich über den Bekannten- und Familienkreises hinaus aber nicht in die Öffentlichkeit. Ihnen wollten wir ein Forum geben, genau das zu tun: Sich der öffentlichen Kritik zu stellen und daraus den Impuls zu bekommen, neue Wege zu erproben.

Der Markt ist keine reine Lustveranstaltung. Welches Konzept steht denn hinter dem Kunsthandwerkerinnen-Markt?

Katarina Esser: Mein Interesse als Leiterin der Gleichstellungsstelle war und ist es, Frauenförderung in Kunst und Kultur mit Stadtmarketing und Wirtschaftsförderung zu verbinden. Beim Kunsthandwerkerinnen-Markt greift die Unterstützung bei der Anbahnung von Geschäftsbeziehungen mit einem Test auf Marktfähigkeit der Produkte ineinander – mit allen Erfolgs-Chancen und Risiken des Scheiterns – woraus sich eine Begleitung bei der Suche nach neuen Wegen für die Existenzsicherung ergeben kann. Das Stichwort ist Existenzgründung im Kunst und Kulturbetrieb. Außerdem erhalten Frauen eine Plattform, die Kontakt, Austausch und Kooperation fördert. So haben sich viele Frauen auf dem Markt gefunden, beispielsweise eine Schneiderin, die sich mit einer Seidenmalerin zusammengetan hat, weil diese besonders schöne Stoffe entworfen hat. Die beiden haben gemeinsam eine ganz neue Geschäftslinie entwickelt.

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Gibt es eine Kontrolle, ob sich das Konzept bewährt hat?

Katarina Esser: Wir erfahren von Markt zu Markt, was sich getan hat, in vielen Gesprächen oder Briefen. Die Entwicklungen sind sehr unterschiedlich. Einige Frauen haben entdeckt, dass ihre Produkte marktfähig sind, aber beschlossen, keine Existenz zu gründen, sondern als Dozentin an Volkshochschulen zu lehren. Andere wollen zunächst weiter Märkte beschicken. Schließlich gibt es Frauen, die eine Ausbildung, wie etwa ein Designstudium, absolviert haben, und eine ganze Reihe, die eine eigene Existenz gegründet hat. Wir schätzen den Anteil der Existenzgründungen auf etwa 10 Prozent.


Das ist viel. Hat hierzu die Existenzgründungsberatung, die auf dem Markt angeboten wird, beigetragen?

Katarina Esser: Das Leistungsangebot für die Ausstellerrinnen zu professionalisieren war auch ein Anliegen. Seit fünf Jahren ist deshalb eine Existenzgründungsberaterin vor Ort, die erste Tipps gibt. In der Regel kann sie entsprechende Kontakt-Adressen in den Heimatstädten nennen und die Frauen mit Hinweisen versehen, wie die nächsten Schritte aussehen.

Ist es sinnvoll, Frauen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten zur Selbstständigkeit zu bewegen oder „gerade darum“?

Katarina Esser: Die Frage lässt sich so einfach nicht beantworten. Kunst und Kultur sind Wirtschaftsfaktoren, deren Potenziale bei weitem nicht ausgeschöpft sind. Es ist also sinnvoll, Frauen in die Existenzgründung zu begleiten, wenn ihre Geschäftsidee gut ist und sie Marktfähigkeit verspricht. Der Kunsthandwerkerinnen-Markt ist eine gute Möglichkeit, sich vorzubereiten. Dann muss die Geschäftsidee ausreifen. Dazu gehört es etwa auch, sich mit der Organisation des eigenen Betriebes, mit Marketing, Betriebswirtschaft und Versicherungsfragen zu befassen. Wenn das alles stimmt, ist es natürlich eine sinnvolle Förderung von Frauen.

Ist mit der zunehmenden Professionalisierung auch der Ausstellerinnen das Konzept noch tragfähig? Bleibt noch Raum für Neulinge?

Katarina Esser: Auch die professionellen Frauen, die ausstellen, haben ein Interesse an Austausch und Kontakten. Aus dem Zusammenspiel der unterschiedlichen Gruppen entsteht die Atmosphäre des Marktes. Der Anteil der Frauen, die es bei einem reinen Hobby belassen, ist sicherlich geschrumpft, und das Niveau im Laufe der Jahre ganz deutlich gestiegen. Es gibt viele Frauen, die von Anfang an dabei sind, und einen Teil, der wechselt. Sei es aus eigenem Antrieb oder weil wir den Wechsel zum Programm gemacht haben.

Stichwort Stadtmarketing: Warum bindet sich die Stadt Jülich in diese Veranstaltung ein?

Es hat sich früh gezeigt, dass der Kunsthandwerkerinnen-Markt ein kulturelles Highlight in der Region werden würde. Im letzten Jahr sind rund 30 000 Besucher dagewesen. Das ist für eine Stadt unserer Größenordnung und eine Einzelveranstaltung wirklich beachtlich. Der Markt hat sich weit über die Stadtgrenzen hinaus einen Ruf erworben, und zieht nicht nur Ausstellerrinnen sondern auch Besucher zu uns. Insofern ist es ein hervorragender Werbeträger für die Stadt Jülich. Zum Leitbild der „Historischen Festungsstadt - moderne Forschungsstadt“ kommt noch ein drittes hinzu, Stadt von Kunst und Kultur zu sein. Wer einmal in Jülich auf dem schönen Schlossplatz mit der Zitadelle als historischer Kulisse, vor der der Markt stattfindet, einen Eindruck von der Stadt gewonnen hat, hat Lust, wiederzukommen. Der Kunsthandwerkerinnen-Markt ist ein Anziehungsmagnet für Menschen, die wegen der Kunst kommen, und dann eine interessante Stadt entdecken.

Artikel zum Kunsthandwerkerinnen-Markt 2005

Porträt der Weberin Barbro Borlinghaus

Porträt der Kunstglaserin Sandra Weinz

Portät der Schmiedin Tanya M. Graham

Porträt der Knochenschnitzerin Christina Gieß

Porträt der Radiererin Susanne Renker

Porträt der Glaskünstlerin Karin Uhlenbruck

Porträt der Stickerin Marga Breier

Existenzgründerinnen finden Rat bei Lucia Breuer


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