Weltfrauentag

Oberzier: Frau ruft Hirsch
Von Dorothée Schenk [08.03.2017, 08.41 Uhr]

„Das ist der Wahnsinn… ich hätte die ganze Nacht rufen können!“ Hildegard Zervos schwärmt. Die Hirschruferin war zum ersten Mal bei einer Brunft im Hellenthaler Tierpark dabei und hat dort ihren Lockruf ausgestoßen. Die imposanten Geweihträger waren tatsächlich aus dem Wald gekommen. Und nicht nur einer: Den ganzen Nachmittag lang konnte sie die Hirsche beobachten, wie sie versuchten, einander zu imponieren und miteinander kämpften. Das ist der Beweis: Die Oberziererin kann so lebensecht den Ruf der Hirsche ertönen lassen, dass sie selbst die Tiere überzeugen kann.

Genau das bewertet normalerweise die Jury mit Noten von 1 bis 6, wenn Hildegard Zervos als einzige Frau mit Männern um die ersten Plätze bei Deutschlands Meisterschaft im Hirschrufen „röhrt“. „Der Ton muss nicht dem des Hirschen ähnlich sein, er muss ihm gleich sein,“ belehrt die Fachfrau. Seit sechs Jahren misst sie sich bereits auf der nationalen Bühne und inzwischen auch im benachbarten Ausland um Meisterschaften. Sie tritt in drei Wettbewerben an: Imitieren eines jungen Hirschs, der am Rande eines Brunftplatzes steht, zwei Hirsche, die um den Status des Platzhirsches kämpfen, und den Ruf eines alten Hirschs. Besonders stolz ist sie auf das diesjährige Ergebnis: Platz 6 - gemeinsam mit dem Vorjahressieger Immo Ortlepp. „Jeder Prüfer hört mich raus“, ist Hildegard Zervos überzeugt.

Vier Wochen vor dem Wettbewerb, erklärt die 69-Jährige, muss man üben, „sonst fängt man an zu husten“. Wer allerdings deutscher Meister werden will, der muss jede Woche „ins Horn stoßen“. Das Ochsenhorn ist eines der Hilfsmittel, das für den richtigen „Hirschton“ sorgen. Darüber hinaus gibt es Plastikrohre, die in Ungarn beliebt sind. Ein solches hat Hildegard Zervos von ihren Kindern jetzt geschenkt bekommen, beherrscht es aber nach eigenem Bekenntnis noch nicht richtig. Ebenfalls ins Repertoire gehört eine Muschel. In diesem Jahr hat sie sich für den „Eifler Hirschruf“ entschieden. Das ist ein Holzrohr, das wie ein Seemanns-Fernrohr aus zwei Stücken besteht, die sich zum Verändern des Tons ineinander schieben lassen.

Natürlich gibt es auch gleich eine Kostprobe der Kunst: Der Kiefer bewegt sich, der Mund schließt sich um die Öffnung und dann steht akustisch der Hirsch im Wohnzimmer. Einen unbeschreiblichen Urlaut lässt die burschikose Dame los, setzt das Horn ab und spricht weiter, als wäre nichts gewesen. „Es kommt ganz tief aus dem Bauch – wenn sie nur einfach blasen, kommt kein Ton heraus“, erklärt sie.

Werbung

Hildegard Zervos beim Hirscherufen.

Hildegard Zervos beim Hirscherufen.

Ihr Talent für das „Hirschrufen“ hat Hildegard Zervos 2011 bei einer Jagdveranstaltung in der Eifel entdeckt. Als Schützenhilfe für den Sohn einer Bekannten nahm sie mit einem selbstgebastelten Rohr am Wettbewerb „Monschau Halali” teil und kam sofort auf den dritten Platz. Das war der Anfang. Viel über das Hirscherufen gelesen hat sie in der Folgezeit und dann autodidaktisch per DVD geübt bis sie sich ein Herz fasste und die Anmeldung in Dortmund wagte. „Ich habe gedacht, die nehmen dich nie“, erzählt sie schmunzelnd. Inzwischen ist die Oberziererin eine kleine Berühmtheit in der Männerdomäne. „Jedes Jahr hoffe ich, dass noch eine Frau dabei ist - aber… tut sich nichts“, zeigt sie sich etwas resigniert. Denn der Medienrummel, den sie stets auslöst, stört sie schon. „Jedes Jahr wenn ich da oben stehe, denke ich mir: Warum tue ich mir das an?“

Wenn Hildegard Zervos dann von der familiären Stimmung der Wettbewerbsteilnehmer und der Freude erzählt, beantwortet sich die Frage von selbst. Derweil sind schon fast wieder die Reiseschuhe geschnürt: Nachdem sie kürzlich in St. Hubert in Belgien zum zweiten Mal Deutschland als Hirschruferein vertreten hat, steht jetzt die Reise nach Frankreich bevor: In drei Wochen fährt die Oberziererin in die Nähe von Fribourg in den Parc animalier de Sainte-Croix, wo sie zu den deutschen Ehrengästen gehören wird. Wie lange sie noch an den Wettbewerben teilnehmen will? „Noch ein Jahr bestimmt“, sagt sie und grinst. Ansonsten hat Hildegard Zervos bereits selbst für Nachwuchs gesorgt: Ihre zwei Enkel – drei und fünf Jahre – üben schon kräftig.

Über die jüngste Meisterschaft im Hirschrufen, bei der Hildegard Zervos in die Endrunde kam, lesen sie hier


Dies ist mir was wert:    |   Artikel veschicken >>  |  Leserbrief zu diesem Artikel >>

NewsletterSchlagzeilen per RSS

© Copyright 2017 Presse- und KulturBüro Schenk + Schenk | Datenschutz

Das Brenzlicht

Mehr Zivilcourage
Es gehört Zivilcourage dazu, Kritik zu üben an einer Preisverleihung, die Zivilcourage auszeichnet und sich gegen das Vergessen der Greueltaten der Nazis positioniert. Toleranz – so die Namensergänzung der veranstaltenden Jülicher Gesellschaft – gehört dazu, um auszuhalten, wenn von vier zu Ehrenden drei als Nebenprodukt behandelt werden und der einzige, durchaus nicht unumstrittene Ausgezeichnete vom Laudator eine Würdigung erfährt, die nicht nur einige Menschen befremden dürfte.  [01.03.2017, 07.54 Uhr]  >>

Alle Brenzlichter >>

Top-Thema

Selbst-Vermarktung
Vielseitig, wandelbar und mutig, das sind Adjektive, die gut zu Ute Werner passen. Die 55-jährige ist vor zehn Jahren nach Jülich gekommen, übernahm das Traditions-Strumpf-Geschäft am Markt und ist heute Vorsitzende der Werbegemeinschaft Jülich. Geplant war nichts davon. Es hat sich mehr „gefügt“.  [08.03.2017, 08.51 Uhr]  >>

Stadtteile

Barmen: Malwunsch frei für 1+ in Latein
Malen und zeichnen sind ihre große Leidenschaft und sie ist Lehrerin. Klar, dass sie Kunst unterrichtet oder? „Nein, ganz sicher nicht“, lachend wehrt Jenny Dolfen diese Idee ab. „Ich habe mich ganz bewusst dagegen entschieden“, erläutert die Pädagogin. Englisch und Latein unterrichtet sie am Gymnasium Haus Overbach, ihrer großen Leidenschaft, der Kunst, frönt sie als freiberufliche Illustratorin. [08.03.2017, 08.24 Uhr]  >>
Jülicher Forscherin geht in die Computer-Tiefe
Im Reich der Supercomputer tummelt sich die Dr. Estela Suarez, Wissenschaftlerin am Jülicher Forschungszentrum. Gegenwärtig arbeitet sie an dem Projekt DEEP (Dynamical Exascale Entry Platform), dessen Ziel es ist, eine neue Art von Supercomputern zu entwickeln: „Die nächste Generation unserer Höchstleistungsrechner, die viel schneller und energieeffizienter sein müssen, als die heutigen.“ [08.03.2017, 07.45 Uhr]  >>

Vereine

"Pussyhats" als sichtbares Zeichen [08.03.2017, 08.07 Uhr]  >>
Ausnahmezustand ist Normalzustand [08.03.2017, 07.00 Uhr]  >>

Immer auf dem Laufenden



Newsletter >>

JüLicht auf Ihrer Site

Sie können unsere aktuellen Schlagzeilen auf Ihrer Website präsentieren - hier steht, wie >>.

Kontakt

Welches Anliegen Sie auch immer bewegt, über unser Kontaktformular >> können Sie mit uns in Verbindung treten.

Werbung