Was an Fragen übrig blieb…
Von tee/ars [25.03.2009, 19.06 Uhr]

Dr. Thomas Kreßner - nachdenklich und …

Dr. Thomas Kreßner - nachdenklich und …

Welche Situation vermittelt Ihnen noch heute ein Hochgefühl?

Ein Hochgefühl war der große ökumenische Gottesdienst am Tag der deutschen Einheit 1990. Das war einer der schönsten Augenblicke in meinem Leben. Ich habe die Predigt gehalten. Ich bin ja Flüchtlingskind und habe den Flüchtlingsausweis B und den habe ich im Gottesdienst hochgehalten und gesagt: Heute ist der Tag, an dem ich den Flüchtlingsausweis im Archiv ablege. Ich bin kein Flüchtlingskind mehr, sondern bin als kognitiver Rheinländer auch Sachse und kann dahin fahren, ohne dass die Vopo mich gefangen nimmt. Das war ein unglaublich hohes Gefühl.

Ein Hochgefühl war sicherlich das große Ereignis 16. Oktober 1982, die Friedensbewegung mit der Demonstration in Jülich, als wir zum ersten und einzigen Mal bei der Tagesschau als Thema an Numero zwei kamen. Interessanterweise sollte die Demonstration nicht in Düren, wo Peter Beier herkam, sein, sondern in Jülich. Und ich hatte das zu managen. Das war mit 20.000 Teilnehmern ein Riesending. Dann hatten wir einen großen Kreiskirchentag, den hab ich auch organisiert, und ein Fest in der Zitadelle, 150 Jahre Kirchenkreis in Jülich – das sind so Highlights.

Erinnern Sie sich an eine besondere Begebenheit in Ihrem Leben, in dem der Glaube Ihnen eine besondere Stütze/überlebenswichtig war?

Ich habe viele Trauerfälle begleitet, bei denen ich teilweise sehr klein war. Todesfälle bei der Unfallseelsorge lassen mich teilweise heute noch nicht los. Da ist man dann zurückgeworfen auf seinen Glauben, der dann plötzlich sehr klein ist, und man sehr gucken muss, wie man als Frosch wieder aus dem Quark rauskommt.

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eloquent gestenreich.

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Warum sind Sie Pfarrer geworden?

Theologie hat mich interessiert, weil mich die Fragestellung interessiert hat. Ich fand es eine intellektuelle Herausforderung. Wir haben natürlich auch noch zu einer Zeit studiert, in der die Bedeutung von Theologie und Kirche höher war. Wir haben einen Bedeutungsverlust hinnehmen müssen. Da kann man ja drüber spekulieren, welche Gründe das hat. Hat das den Grund in der Pluralisierung unserer Gesellschaft? Einer Individualisierung der Gesellschaft… ? Es hängt auch damit zusammen, dass teilweise Kirche nicht so attraktiv ist. Wir versuchen ja, einiges zu tun, und tun das vielleicht auch nicht schlecht, aber es gibt zum Teil eine große Langeweile und Spießigkeit.

Ich gehöre gerne zu dieser Tradition der etwas Aufmüpfigen. Früher hat sich unsere Kirche stark darüber definiert, dass wir nicht katholisch sind, das ist einfach als Identität zu wenig. Ich sage alles das, was ich nicht gut finde: Ich finde den Zölibat der Priester nicht gut und ich finde die Marienverehrung nicht gut und ich finde die Heiligen nicht gut – das reicht nicht, sondern ich muss sagen: Warum bist Du Protestant, was findest Du daran gut? Das ist die Freiheit und auch das Heitere: Ich bin etwas wert, ohne dass ich etwas leisten muss. Das ist Protestantismus. Und ich kann es mir auch leisten, ich habe Glück gehabt, es ist mir geschenkt worden. Warum, das weiß ich nicht, aber da bin ich dankbar für. Und mit Menschen, die kein Glück haben, da bin ich völlig solidarisch, weil es nicht deren Schuld ist, dass sie Unglück haben. Das ist das humane daran. Jemand der Unglück hat, ist es nicht schuld. Deshalb bin ich unglaublich gerne Protestant, und das gehört zu den Dingen, die habe ich, glaube ich, auch verstanden… (lacht)

Ihre persönlich größten Erfolge sind…

Da, wo ich möglicherweise den meisten Erfolg in Jülich hatte, das ist total unspektakulär: Ich gehe zu den Leuten in die Küche, ich gehe zu den Leuten ins Wohnzimmer und in den Stall und mit in die Garagen. Ich bin immer gerne mit Menschen zusammen, und derjenige, oder diejenige, die Menschen liebt – als Pastor sollte man vor allem seine Schäfchen lieben, auch die größten Idioten, man hat ja nicht nur tolle Gemeindemitglieder–, denen auch hinterherzulaufen, und wirklich auch mal eine in die Fresse zu bekommen, aber trotzdem in der Beziehung zu bleiben, jemand, der das so macht, hat alle Chancen in Jülich. Das wird mir fehlen. Meine Sicht der deutschen Geschichte, wenn ich das mal so sagen darf, ist sehr genau, und zwar weil ich den Menschen zugehört habe. Für mich sind Biografien ab dem Jahre 1900, 1903 bis heute sehr geläufig, weil ich sie immer rekonstruiere: „Wie war das denn genau?“ Ich kann über das Jahr 1945 äußerst gute Auskunft geben, obwohl ich noch gar nicht gelebt habe. Das verdanke ich meinen Gemeindemitgliedern und deren Geschichten. Da habe ich sehr viel Ehrfurcht davor. Das gehört mit zu den schönen Dingen, die ich erlebt habe, und wenn ich die nicht mehr habe, das ist schade – ansonsten kann ich auf vieles verzichten.


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